Archiv für die Kategorie ‘Einfach spitze’

The Homesman

Veröffentlicht: Januar 30, 2015 von robertweber in Einfach spitze

Der beste Film, den das Genre seit Erbarmungslos hervorgebracht hat. Tommy Lee Jones eskortiert vier geisteskranke Frauen durch den Wilden Westen. Unbedingt sehenswert.

Interstellar

Veröffentlicht: November 11, 2014 von robertweber in Einfach spitze
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Grundsätzlich hat Interstellar alles, was ein mies gemachter Hollywoodschinken braucht: Das Familiendrama, das Pathos, die Überlänge, die Musik von Hans Zimmer und die Message, dass die Liebe schon alles richten wird. Dennoch ist der neue Nolan einer der besten und intelligentesten Science Fiction Filme, die ich bislang gesehen habe. Spannend obendrein. Vergleiche wären sinnlos, selbst zu 2001, denn der kommt deutlich dröger daher und auch langatmiger.

Sicher, Interstellar ist lang, so lang wie möglich und so kurz wie nötig, kürzer könnte man die Geschichte, trotz einiger Längen, aber kaum erzählen. Richtig, der Film ist pathetisch, wahr ist aber auch, dass das Pathetische durch die schauspielerische Leistung der Darsteller glaubwürdig daherkommt. Und ja, den Familienscheiß habe ich in Filmen aus Amerika grunsätzlich satt, aber hier ist es keine aufgesetzte Tränendrüsennummer, sondern ein elementarer Bestandteil der Geschichte. Über die Musik von Hans Zimmer kann man sich streiten, die wirkt manchmal wie ein Napalmteppich, der über einen Ameisenhaufen abgeworfen wird, aber im Großen und Ganzen völlig ok; und was die Liebe betrifft – den Glauben daran habe ich, vorläufig jedenfalls, verloren, von daher erscheint mir das als Lösung aller Probleme (speziell der quantenphysikalischen über Raum und Zeit hinweg) doch überzogen. Über die Handlung verliere ich kein Wort, die kann man auch googlen.

Vielleicht nur so viel: Geometrische Roboter in rechteckiger Würfelform rollen über die Leinwand, programmiert auf Humor (75%), Wahrheit (90%) und Diskretion (100%). Wer das jetzt widersprüchlich findet, hat die Quantenphysik nicht verstanden, ob sie überhaupt jemand versteht, ist allerdings umstritten. Kugelförmige Wurmlöcher, Relativitäts- und Quantentheorie, Zeitreiseparadoxon, Weltuntergang und Singularität bilden die Grundlagen für ein abgedrehtes Drehbuch, das von Nolan, ganz ohne 3D Schnickschnack, in beeindruckenden Bildern umgesetzt wurde. Unbedingt sehenswert, aber eine Pinkelpause einplanen.

Robert Weber

Ich höre sie schon kreischen, die Pastorentöchter, das eine könne man nicht mit dem anderen vergleichen, ich aber sage: Das geht. Man sollte es sogar tun, weil sich an beiden Filmen zwei unterschiedliche Kasten Filmemacher und Kinogänger festmachen lassen. (Ein Bindeglied zwischen beiden Filmen stellt zudem die anbetungswürdige Tilda Swinton dar.)

Hier haben wir auf der einen Seite Wes Anderson mit seinem  zusammengeklauten, biederen und spießigen Machwerk „Grand Budapest Hotel“, und auf der anderen „Snowpiercer“, der sich nicht vampiristisch von den Leistungen der Filmgeschichte nährt, die andere vor ihm erbracht haben, und sich dabei noch erdreistet, das als Hommage oder Zitat zu verkaufen, sondern einen Streifen, der sich aus aberwitzigen Ideen und einer Bildsprache speist, die origineller sind, als das ganze, bisherige Oeuvre von Anderson zusammengenommen; Snowpiercer von Bong Joon-ho, das Beste, was ich seit langem gesehen habe (American Hustle mal ausgenommen). Beide Regisseure/Filme beziehen zudem eindeutig Stellung, und auf welche Seite sich der Zuschauer schlägt, bleibt diesem überlassen.

Wes Anderson sitzt mit seinem verkitschten und pseudointellektuellen Gefälligkeitskino im vorderen Abteil des Zuges, der 1. Klasse, quasi per Geburtsrecht, und bedient, vielleicht nicht einfältig aber einfallslos, in jedem Falle aber System erhaltend seine Zielgruppe: Gehobenes, gutbetuchtes, intellektuelles Mittelmaß, das nichts dabei findet, seine Doktorarbeiten aus nicht gekennzeichneten Textstellen anderer zusammenzuklauben und sich von Mami und Pappi das Geld und die vermeintliche Bildung hat in den Arsch schieben lassen. Im hinteren Teil des Zuges, der dritten Klasse, finden wir Bong Joon-ho mit der kalten, gewalttätigen Wucht eines Eisbrechers, einen Fürsprecher der mittellosen aber nicht dummen Unterschicht, vielleicht nicht belesen, von vorneherein chancenlos aber mit dem unbedingten Willen, die eigene Situation zu verbessern, zum Schrecken der Pastorentöchter, die den Status Quo für immer zementiert sehen möchten.

Anderson will witzig sein, Joon-ho ist es. Joon-ho hat es, im Gegensatz zu Anderson, auch nicht nötig, zu klauen (Verzeihung, zu zitieren). Wenn man möchte, und ich möchte, findet man in einer Szene Anklänge an „Old Boy“ seines Landsmannes Park Chan-woo, der, davon kann man ausgehen, mit Sicherheit nichts dagegen hatte, dafür ist Südkorea zu klein und die Filmemacherszene zu intensiv miteinander verwoben.

„Es gibt eine Sache, für die ich mich hasse: Ich weiß, wie Menschenfleisch schmeckt, und das Fleisch von Babys schmeckt am besten“, sagt der Held des Filmes, gespielt von Chris Evans (Captain Amerika) und allein dafür muss man ihn lieben. Und wieder kreischen die Pastorentöchter, und dafür liebe ich Bong Joon-ho.

Wer Snowpiercer gesehen hat und Grand Budapest Hotel danach immer noch für mehr als einen mittelmäßigen Film hält, dem ist nicht mehr zu helfen. Der wird solange in seinem erste Klasse Abteil an der Spitze des Zuges sitzen, mit abgespreizten Fingern seinen Himalayahochlanddarjeeling aus biologischen Anbau trinken und versonnen über den Zustand der Welt vor sich hinlächeln, bis ihm eine rostige Axt, geführt von den schwieligen Händen eines halb verhungerten Heizers aus der dritten Klasse, den Rücken spaltet.

9 von 10 möglichen Punkten.

Robert Weber

American Hustle – Von Robert Weber

Veröffentlicht: Februar 18, 2014 von robertweber in Einfach spitze
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„Ich dachte, Du bist geheimnisvoll, wie meine Mutter, aber Du bist nicht geheimnisvoll, Du bist einfach nur depressiv.“ Einer von zahlreichen, Funken sprühenden Sätzen, die in American Hustle fallen, ein Film der „The Wolf of Wallstreet“ wie die Abschlussarbeit eines Münchner Filmstudenten aussehen lässt. Hier muss Scorsese in der Staubwolke verharren, die David Russel auf seinem rasanten Sprint um die Geschichte eines Betrügerpärchens, einer völlig durch geknallten Ehefrau und eines karrieregeilen FBI-Agenten, der die halbe amerikanische Regierung wegen Korruption hinter Gittern stecken möchte und dabei weitaus krimineller daher kommt, als alle Bösewichter im Film zusammengenommen, hinterlässt.

Ein glänzend aufgelegtes Darstellerensemble, ein Regisseur mit Faible für Lockenwickler, eine Story, die in einem fort über sich hinaus- und den Protagonisten über den Kopf wächst, ein Film der wirklich witzig ist, ohne jemals albern zu wirken, glänzende Dialoge, Rückblenden, die nicht wie affektierte Effekthascherei wirken, sondern einfach sitzen, besser geht es kaum. Russel kitzelt zudem aus den schauspielerischen Fähigkeiten seiner Darsteller das letzte heraus, deren Rollen völlig konträr zu dem sind, was sie sonst so spielen. Christian Bale (Batman) so fett, dass man ihn kaum wieder erkennt, Amy Adams (The Master) angezogen derart sexy, dass man sie auf gar keinen Fall ausziehen möchte, Jennifer Lawrence (Die Tribute von Panem), gleichzeitig cool, hysterisch und völlig absurd, Jeremy Renner (The Hurt Locker) als Sinnbild des New Jersey Style, allein Bradley Cooper (Hangover) und Robert De Niro bleiben ihrem Image treu. Letzterer kann hier im Vergleich zu seinem jüngsten Desaster (Zwei vom alten Schlag) in einer Nebenrolle wieder deutlich an Boden gut machen.

Ein Film, der all die Oscars verdient hätte, für die er nominiert wurde. (Bester Film, beste Regie, bestes Originaldrehbuch, beste Hauptdarstellerin, bester Hauptdarsteller, beste Nebendarstellerin, bester Nebendarsteller, bestes Kostümdesign, bestes Szenenbild und bester Schnitt.) Absolut empfehlenswert. Schon jetzt das Kinoereignis des Jahres.

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Marion Pfaus als Amy Adams, Robert Weber als Christian Bale, Claudia Mair als Jennifer Lawrence

Robert Weber

Wenn ich sehe, wie selbstverständlich Christian Bale alias Irving Rosenfeld seinen Wanst in die Kamera reckt, dann sehne ich mich nach dieser wunderbar imperfekten Welt der 70er zurück, in der Selbstoptimierung noch ein Fremdwort war, in der Finanzbetrüger noch nicht Broker hießen und die Erotik noch etwas solide Schmuddeliges hatte – letzteres mag allerdings Wunschdenken sein, das dieser Film begünstigt. Denn der Film inszeniert das Schmuddelige sehr stilvoll.

Nicht, dass die Leute damals weniger eitel gewesen wären, wie die herrliche Anfangsszene des Films beweist, in der wir lernen, wie man ein Toupet möglichst geschickt auf dem Haupt drapiert. Offenbar ist es auch für Männer ein wahrer Alptraum, wenn jemand anderer dasselbe Outfit trägt. Man sollte sich in modischen Fragen eben nicht von derselben Frau beraten lassen. Aber sie hat Stil, die gute Edith. Unvergesslich ihre abgrundtiefen Dekolletés, mit denen das offene Hemd des FBI-Agenten diMaso zu konkurrieren wagt, und zwar erfolgreich.

Die Endsiebziger also: coole Klamotten, seltsame Frisuren, die sich Lockenwicklern in allen Größen verdanken,  und der Duft nach warmem Eier-Käse-Sandwich. Eier-Käse-Sandwich? Müsste es bei diesem Film nicht eher intensiv nach Rasierwasser riechen? Müsste es wohl, aber das Geruchskino hat sich bis dato noch nicht durchsetzen können, obwohl es bereits 1906 erste Versuche dazu gab. Muffelnde Sandwichreste in zwielichtigen Handtaschen machen jedenfalls noch  kein Geruchskino.

Zum Himmel stinken auch die kriminellen Machenschaften in dieser Geschichte, von denen  ich nicht alle durchschaut habe, nur, dass es unter anderem um Schmiergeld geht und dass „man Millionen braucht, um Millionen zu kriegen“ – oder so ähnlich. Und das ist keiner von den wirklich coolen Sprüchen, von denen es in dem Film einige gibt, die sicherlich Eingang in den Volksmund finden werden. Ich zitiere sie hier nicht, damit sich alle, die sich den Film noch anschauen, darauf freuen können. Und nicht nur darauf.  Überrascht hat mich nämlich Jennifer Lawrence. Nach „Tribute von Panem“ war ich nicht gerade ein Fan ihrer Schauspielkunst. Als Ehefrau von Irving Rosenfeld gibt sie eine durchgeknallte Alkoholikerin und ist in dieser Rolle einfach hinreißend.

American Hustle beruht zum Teil auf einer tatsächlichen FBI-Operation namens Abscam, bei der sich FBI-Agenten als Geschäftsleute aus dem Nahen Osten ausgaben, um u. a. korrupte Politiker zu überführen. Es gab ihn also wirklich, diesen falschen Scheich aus American Hustle. Unterstützt wurde das FBI bei dieser Aktion von dem Trickbetrüger Melvin Weinberg, im Film Irving Rosenfeld. Man hat die Geschichte natürlich aufgepeppt, u. a.  indem  man Rosenfeld eine attraktive Trickbetrügerin zur Seite gestellt und der Geschichte am Ende eine originelle Wendung gegeben hat.  Es zeigt sich, dass Irving kein gewissenloser Verbrecher ist, sondern eigentlich  ‘n guter Kerl, aber eben doch ein Schlitzohr.

Ich warte jetzt auf den Director‘s Cut, in dem diMasos fader Vorgesetzter endlich das Ende der Eisloch-Geschichte erzählt. Denn ich muss es wissen, vorher tu ich kein Auge mehr zu!!

hustle_autoren

Marion Pfaus als Robert De Niro, Robert Weber als Melvin Weinberg, Claudia Mair als Bradley Cooper