Snowpiercer – Das Kreischen der Pastorentöchter

Veröffentlicht: April 16, 2014 von robertweber in Einfach spitze
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Ich höre sie schon kreischen, die Pastorentöchter, das eine könne man nicht mit dem anderen vergleichen, ich aber sage: Das geht. Man sollte es sogar tun, weil sich an beiden Filmen zwei unterschiedliche Kasten Filmemacher und Kinogänger festmachen lassen. (Ein Bindeglied zwischen beiden Filmen stellt zudem die anbetungswürdige Tilda Swinton dar.)

Hier haben wir auf der einen Seite Wes Anderson mit seinem  zusammengeklauten, biederen und spießigen Machwerk „Grand Budapest Hotel“, und auf der anderen „Snowpiercer“, der sich nicht vampiristisch von den Leistungen der Filmgeschichte nährt, die andere vor ihm erbracht haben, und sich dabei noch erdreistet, das als Hommage oder Zitat zu verkaufen, sondern einen Streifen, der sich aus aberwitzigen Ideen und einer Bildsprache speist, die origineller sind, als das ganze, bisherige Oeuvre von Anderson zusammengenommen; Snowpiercer von Bong Joon-ho, das Beste, was ich seit langem gesehen habe (American Hustle mal ausgenommen). Beide Regisseure/Filme beziehen zudem eindeutig Stellung, und auf welche Seite sich der Zuschauer schlägt, bleibt diesem überlassen.

Wes Anderson sitzt mit seinem verkitschten und pseudointellektuellen Gefälligkeitskino im vorderen Abteil des Zuges, der 1. Klasse, quasi per Geburtsrecht, und bedient, vielleicht nicht einfältig aber einfallslos, in jedem Falle aber System erhaltend seine Zielgruppe: Gehobenes, gutbetuchtes, intellektuelles Mittelmaß, das nichts dabei findet, seine Doktorarbeiten aus nicht gekennzeichneten Textstellen anderer zusammenzuklauben und sich von Mami und Pappi das Geld und die vermeintliche Bildung hat in den Arsch schieben lassen. Im hinteren Teil des Zuges, der dritten Klasse, finden wir Bong Joon-ho mit der kalten, gewalttätigen Wucht eines Eisbrechers, einen Fürsprecher der mittellosen aber nicht dummen Unterschicht, vielleicht nicht belesen, von vorneherein chancenlos aber mit dem unbedingten Willen, die eigene Situation zu verbessern, zum Schrecken der Pastorentöchter, die den Status Quo für immer zementiert sehen möchten.

Anderson will witzig sein, Joon-ho ist es. Joon-ho hat es, im Gegensatz zu Anderson, auch nicht nötig, zu klauen (Verzeihung, zu zitieren). Wenn man möchte, und ich möchte, findet man in einer Szene Anklänge an „Old Boy“ seines Landsmannes Park Chan-woo, der, davon kann man ausgehen, mit Sicherheit nichts dagegen hatte, dafür ist Südkorea zu klein und die Filmemacherszene zu intensiv miteinander verwoben.

„Es gibt eine Sache, für die ich mich hasse: Ich weiß, wie Menschenfleisch schmeckt, und das Fleisch von Babys schmeckt am besten“, sagt der Held des Filmes, gespielt von Chris Evans (Captain Amerika) und allein dafür muss man ihn lieben. Und wieder kreischen die Pastorentöchter, und dafür liebe ich Bong Joon-ho.

Wer Snowpiercer gesehen hat und Grand Budapest Hotel danach immer noch für mehr als einen mittelmäßigen Film hält, dem ist nicht mehr zu helfen. Der wird solange in seinem erste Klasse Abteil an der Spitze des Zuges sitzen, mit abgespreizten Fingern seinen Himalayahochlanddarjeeling aus biologischen Anbau trinken und versonnen über den Zustand der Welt vor sich hinlächeln, bis ihm eine rostige Axt, geführt von den schwieligen Händen eines halb verhungerten Heizers aus der dritten Klasse, den Rücken spaltet.

9 von 10 möglichen Punkten.

Robert Weber

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Kommentare
  1. Dann ist mir wohöl nicht mehr zu helfen 😉
    Vielleicht liegts daran, das ich mal ein 1.-Klasse-Upgrade für die Bahn hatte, vielleicht bin ich jetzt verdorben. Ich hab mich bei Anderson jedenfalls ab der ersten Szene und der – ja – Hommage an Karel Zemans Animationsfilme gefreut. Manchmal darf ein Film vielleicht auch einfach nett sein. Snowpiercer war allerdings auch prima, wenn auch nicht ganz so gut, wie erhofft.

    • robertweber sagt:

      Lieber Volker, ich fürchte, Du bist für immer an das Establishment verloren. In der 1.Klasse immer einen Blick nach hinten werfen. Frohe Ostern
      Robert

    • robertweber sagt:

      P.S. Du oder Deine Freundin, Ihr kommt nicht zufällig aus einer Pastorenfamilie? (Eltern- oder Großelternlicherseits)

  2. Robert sagt:

    Kennst Du „The Host“ von ihm? Ist auch ziemlich großartig.

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