All is Lost

Veröffentlicht: Januar 21, 2014 von robertweber in Kann man sehen
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Wir kennen das: Es gibt Tage, da läuft alles schief. Früh fällt einem die Kaffeetasse aus der Hand, Mittag macht der Laptop schlapp und Abends brennt die Freundin mit dem Computertechniker durch.

Ähnlich ergeht es dem namenlosen Skipper in All is Lost. In der endlosen Weite des Indischen Ozeans hat ein herrenloser Turnschuhcontainer, den es über die Reling eines Frachtschiffes gespült hat, nichts Besseres zu tun, als direkten Kurs auf sein Boot zu nehmen, dabei wäre so viel Platz gewesen. Es gibt eine Kollision, das Boot schlägt leck, kann aber mit Epoxid wieder zusammen geklebt werden. Als nächstes taucht ein Sturm auf, der die notdürftig geflickte Yacht komplett auseinanderlegt. Redford hat zwar keine Schwimmweste an Bord, aber dafür eine überdachte Rettungsinsel. Leider hat er statt Trinkwasser nur Whisky geladen, und das Wasser, was er aus dem Tank unter der Spüle in einen Kanister pumpt, stinkt wohl nach fauligem Fisch, jedenfalls ist es nicht mehr trinkbar.

Die erste halbe Stunde ist geschafft, die restlichen 70 Minuten dümpelt Reford in der Rettungsinsel auf dem Meer dahin. Es kommt noch ein Sturm und dann noch einer, und als ich dachte, sie kommen gar nicht mehr vor, tauchen endlich auch ein paar Haie auf, die sich dekorativ im Meer schlängeln. Doch keine Angst, die beißen nicht, hier wollen sie tatsächlich nur spielen.

Man kann über All ist Lost nichts wirklich Schlechtes sagen, schöne Bilder, hohe Wellen, ab und zu blitzt so etwas wie Spannung auf – so richtig weiterempfehlen möchte man ihn aber nicht. Klar, Redford ist ein toller Schauspieler, aber das war er schon vorher. Zieht man einen direkten Vergleich zu ähnlich gelagerten Ozeansurvivalfilmen, so bleibt All is Lost unterm Strich jedoch deutlich hinter Open Water oder auch The Reef zurück.

Immerhin ist der Film nicht zu lang geraten, bevor es wirklich ennuyant wird, ist er auch schon um, und das kriegen heutzutage auch nicht alle hin.

Robert Weber

P.S. Wie Rumen schon schrieb, sind die Mitarbeiter in Kino der Kulturbrauerei an Unfreundlichkeit und Arroganz kaum zu übertreffen. Zu schön zum arbeiten. Votzenfaktor 9 von 10.

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Rumen Milkow (r.) als Claudia Mair, Robert Weber als Rumen Milkow

Vor dem Film ein Wort zum Kino in der Kulturbrauerei. Daß ich es nicht mag, liegt nicht nur am unfreundlichen Personal, und auch nicht daran, daß es das Premierenkino von Radio Eins ist, sondern daran, daß die Zuschauer so alt sind. Gefühlt sind sie sogar noch älter als Robert Redford, der nicht einfach nur der Hauptdarsteller sondern der einzige Darsteller überhaupt von „All is Lost“ ist. (Nur damit sich keiner wundert: Da ich Robert Redford vor Jahren, als er noch ein bisschen jünger war, anlässlich der Berlinale faßt schon mal in meiner Taxe hatte, darf ich schlicht Robert zu ihm sagen.)

Der Film beginnt mit der deutschen Synchronstimme von Robert aus dem Off. Robert entschuldigt sich (bei wem?), er habe alles gegeben (was genau?), aber trotzdem sei alles verloren. Gut, dann können wir ja nach Hause gehen! (Zu Hause im Prenzlauer Berg? Nachtigall ich hör dir trapsen!) So war es dann auch! Bevor wir unsere dicken Winterklamotten anlegen konnten, plötzlich blaues Meer und weiter Himmel (ebenfalls blau) auf der Leinwand. Dann schon gleich Robert, für einen Stummfilm in Slow-Motion wahnsinnig schnell. Robert ist alt und muss deswegen viel schlafen. Warum er das nicht im Altersheim sondern auf einer kleinen Jacht irgendwo bei Sumatra tut, erfährt der Zuschauer nicht. Was er allerdings sieht, ist ein offener Container mit Kinderschuhen (vermutlich Billigware aus China), der das Boot gerammt hat, weswegen Wasser in den Innenraum eindringt. (Warum der offene Container nicht längst gesunken war, bleibt offen.)

Robert hat offensichtlich ein Luxusproblem und als erfahrener Segler aus dem Prenzlauer Berg wünscht man sich, daß Robert zumindest ein paar Segelstunden genommen hätte. Aber obwohl kein Handgriff sitzt, gelingt es Robert doch irgendwie, das Loch zu flicken und das gesamte Wasser per Hand aus dem Bootsinnenraum zurück ins Meer zu pumpen. Alles wie gesagt als Stummfilm in Slow-Motion – trotzdem Respekt! Zum Schluss quält sich Robert noch den Mast hoch, um endlich mal die Antenne zu reparieren, da zieht auch schon der erste Sturm auf. Robert verbarrikadiert sich in seiner Kajüte und muss sich erstmal nass rasieren. Vermutlich wusste er als alter Mann an der Stelle mehr als sein altes Publikum vom Prenzlauer Berg, und zwar daß er sehr lange nicht mehr zum Rasieren kommen wird.

Der schwere Sturm stellt die kleine Jacht auf den Kopf, und selbst Robert begreift, wenngleich langsam, daß es an der Zeit ist umzuziehen. Und was bietet sich auf hoher See so ganz allein mehr an als die bootseigene Rettungsinsel?! Nach dem Sturm ist man sich als Nichtsegler nicht sicher, ob die Jacht nicht doch zu retten ist. Robert und die alten Segelhasen von Radio Eins wissen es besser. Robert rettet, was zu retten ist, auf die Rettungsinsel, die Jacht geht unter und ein zweiter Sturm zieht auf. (Nach dem Sturm ist offensichtlich auch vor dem Sturm!) Den überlebt der alte Robert irgendwie auf seiner windgeschützten Luftmatratze, und selbst den Alten vom Prenzlauer Berg wird langsam klar, daß Robert mehr als ein Luxusproblem hat. Als sich das Trinkwasser in Roberts Wasserkanister als ungenießbar erweist, realisiert nun auch Robert, daß er am Arsch ist, was ihn nach einer Stunde Stummfilm immerhin zu drei Worten inspiriert: „Scheiße! – Gott! – Fuck!“ – Alles in Slow-Motion, vor allem das „Fuuuuuuuuuuuuuuuuuuck!“

Eines hat Robert zumindest erreicht: Man hat irgendwie Mitleid mit ihm, wenngleich keine wirkliche Empathie aufkommt. Dazu hätte der nicht ganz so alte Zuschauer aus Friedrichshain doch schon gerne gewusst, was macht denn der Robert da auf seiner Jacht? Ein Wirtschaftsflüchtling, der auf hoher See sein Leben riskiert, ist er ja offensichtlich nicht! Dem Film bleibt keine Zeit, diese und andere Fragen zu beantworten, da sich Roberts Rettungsinsel dem Fahrwasser der großen Schiffe nähert. Das erste Großraumcontainerschiff fährt am Tage ganz dicht an ihm vorbei, doch auf der Brücke sieht ihn niemand mit dem kleinen Bengalo auf seiner Rettungsinsel stehen. Das zweite Großraumcontainerschiff übersieht dann sogar Nachts seine einzigen beiden Leuchtraketen. Ist das schon Real-Kritik am Turbo-Kapitalismus?

Langsam wird es eng auf Roberts Rettungsinsel. Erste hungrige Fische klopfen auch schon an. Plötzlich ist es wieder Nacht und Robert sieht ein schwaches Licht, was offensichtlich einem kleinen Boot ganz in der Nähe gehört. Gut, er könnte jetzt schreien, aber es ist eben ein Stummfilm. Und da Robert nicht mehr der jüngste ist, muss er erstmal überlegen, was jetzt zu tun ist. Ich konnte ihn förmlich denken hören: Schreien kann ich nicht, ist ja ein Stummfilm! Was kann ich sonst tun, damit der mich sieht? Grübel, grübel, … ah, ja … ähm, hm … klar, ich mache ein Feuer. Das funktioniert sogar, allerdings zu gut und vor allem zu schnell für Robert, denn der ist ja alt. Und so steht (so plötzlich war das jetzt auch nicht!) auf einmal seine ganze verf***te Rettungsinsel in Flammen.

Spätestens jetzt muss man an den Anfang des Films denken, wo Robert sich entschuldigt (Wir wissen immer noch nicht bei Wem!), daß er alles gegeben hat (Was prinzipiell stimmt, wenngleich sehr langsam!), und daß jetzt alles verloren sei (Was nicht zu übersehen ist!). Kurzerhand entscheidet sich Robert zum Suizid, was einmal mehr beweist, daß sich auch Luxusprobleme zu realen Problemen auswachsen können. Bevor er jedoch den Mund aufmacht, um endlich Wasser in die Lunge eindringen zu lassen, öffnet er sicherheitshalber nochmal die Augen. Das hätte er nicht tun dürfen! Denn jetzt sieht er, daß sich das andere Boot seiner brennenden Rettungsinsel nähert. Jetzt, kurz vor Schluss, wird es pöltzlich noch mal spannend, weil niemand weiß, ob Robert nicht doch zuuuuuuuuuuuu langsam ist.

Gibt es ein Happy End für Robert in seinem neuen Stummfilm in Slow-Motion? Können die Alten vom Prenzlauer Berg aufatmen, weil sich „alt fühlen“ auch nicht schlimmer ist wie „alt sein“? Oder ist wirklich alles verloren?

Rumen Milkow aka Taxi Berlin

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Kommentare
  1. Claudia sagt:

    Lese ich da etwa Seniorenfeindlichkeit heraus? Wo doch die Senioren im Film gerade richtig im Kommen sind, sowohl in als auch außerhalb ihrer verstellbaren Betten. Denn der Zuschauer soll sich doch identifizieren können, nur so kann man ihn ins Kino locken. Und wer in unserer Zeit der gesellschaftlichen Vergreisung die Massen ins Kino locken will, der muss dazu die geeigneten Protagonisten wählen.
    Übrigens beweist das Foto mal wieder, was für ein niedliches Ding doch Claudia Mair ist, während mir Rumen ein wenig geschrumpft erscheint. Das Schrumpfen könnte auf einen fortgeschrittenen Alterungsprozess hinweisen, wollte ich nur mal sagen.

  2. TaxiBerlin sagt:

    Liebe Claudia, ich kann Dich beruhigen, ich habe nichts gegen Senioren, weder im Taxi noch auf der Leinwand. Ganz im Gegenteil – schließlich werden wir alle mal alt! Aber muss ich deswegen, nur weil ich alt bin oder mich auch nur alt fühle, gleich mutterseelenallein mit meiner Jacht irgendwo bei Sumatra rumschippern? Da wirst Du mir als „Nicht-Reisende“ oder zumindest „Wenig-Reisende“ doch Recht geben, oder?! 😉 Möglicherweise fühlst Du Dich aber von meiner Kritik angesprochen, weil auch Du im Prenzlauer Berg „zu Hause“ bist? Auch hier kann ich Dich beruhigen: Nicht alle Bewohner des Prenzlauer Bergs sind wirklich alt! In einem anderen Punkt kann ich sogar entwarnen: Schrumpfen weist nicht immer auf einen „fortgeschrittenen Alterungsprozess“ hin. Manchmal ist Schrumpfen auch einfach die „Konzentration auf das Wesentliche“. 🙂

    • aheinspein sagt:

      “Konzentration auf das Wesentliche” – das gefällt mir. Na, dann werde ich mal sehen, ob ich mir nicht einen Schrumpfkopf zulegen kann und mir die Hutschnur enger schnallen. 🙂
      Übrigens ist eine Jacht ja nur ein mobiles Zuhause und daher für Rentner eigentlich sehr geeignet, in Begleitung versteht sich.

  3. TaxiBerlin sagt:

    „Schrumpfkopf“ gefällt mir! Ob man das mit „Hutschnur enger schnallen“ hinbekommt, würde mich persönlich interessieren! 🙂
    Auch Jacht als „mobiles Zuhause“ klingt gut. Möglicherweise ist „Jacht-BegleiterIn“ sogar ein Beruf mit Zukunft?! 😉

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