Börsianer nehmen Drogen, vögeln Callgirls, trinken zu viel, haben Spaß daran, Anlegern wertloses Zeug aufzuschwatzen und verdienen sich dabei dumm und dämlich –  so, what’s the news? Martin Scorsese macht nicht mehr, als Story und Dramaturgie von Blow zu kopieren, mit einem ordentlichen Schuss Fear & Loathing in Las Vegas zu panschen und das halbseidene Konglomerat an die Wallstreet zu verlegen. Dabei reicht The Wolf of Wall Street bei weitem nicht an Blow heran, erst recht nicht an Fear & Loathing in L.A.. Die sind wenigstens wirklich witzig und vor allem deutlich kurzweiliger. Da reißt auch die großartige, schauspielerische Leistung von Leonardo DiCaprio nichts mehr raus.

Die besten Gags dieser über weite Strecken quälend langatmigen Komödie hat man bereits im Trailer verbraten, und die zwei originellsten Einfälle, die der Film zu bieten hat, sind die, dass DiCaprio ab und an direkt in die Kamera, also zum Zuschauer spricht und dieser einen gedanklichen Schlagabtausch zwischen dem Wolf und einem Schweizer Bankier quasi per Telepathie verfolgen kann. Der Rest verliert sich in ewigen Wiederholungen von Drogenkonsum, Fickszenen und börsianischer Straßenräuberei.

Viel heiße Luft um nichts, kongruent in dem Sinne, als dass auch an der Börse größtenteils nur mit heißer Luft gehandelt wird. In seinen besten Momenten fühlt man sich zwar in ein Theaterstück von Christoph Schlingensief versetzt, beim Zwergenwerfen etwa, oder wenn nur eine in Unterhosen bekleidete Blaskapelle durch das Großraumbüro der überkandidelten Börsenhengste zieht, letztere könnten auch ohne weiteres als Mitglieder der Moon-Sekte durchgehen, aber leider sind die Schlingensiefschen Momente rar gesät. The Wolf of Wall Street ist wie ein Auto, das mit hohem Tempo einen kurzen, steilen Berg hinabrollt, anschließend auf einer Kilometer langen Ebene immer mehr an Schwung verliert, um schließlich durch die Schwerkraft vollständig ausgebremst zu werden. Bedauerlicherweise ist im Augenblick des Stillstandes der Film noch lange nicht vorüber, sondern säuft noch gefühlte zwei Stunden lang ab.

Jedem anderen Regisseur hätte ich The Wolf of Wall Street vielleicht noch als halbgares Mittelmaß durchgehen lassen, misst man aber Martin Scorsese an Martin Scorsese, dann ist der Streifen einfach nur öde. Daher nur zwei von fünf Sternen.

Robert Weber

Nachtrag: Wirklich sehenswert zum Thema sind: Margin Call, Wall Street und Wall Street – Geld schläft nicht.

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Robert Weber als Karsten Krampitz, Claudia Mair als Robert Weber.

The Wolf of Wallstreet oder Wie man sich erfolgreich zum Affen macht

Gleich zu Beginn des Films lernt der junge Jordan Belfort vom erfolgreichen Börsenmakler Hanna, was Sache ist: Es geht um Geld, und zwar nur um das Geld, das man selbst verdient. Die Anleger sind lediglich Mittel zum Zweck und die Börse ist nur eine Riesenblase ohne reelle Werte. Vom sex- und drogensüchtigen Hanna, den er bewundert, übernimmt Belford das seltsame Gebaren aus Grunzlauten und Schlägen gegen die Brust, das ich zum letzten Mal bei einem Gorilla im Zoo gesehen habe.

Der ehrgeizige Belford wird als Frischling von einem Chef zum „Abschaum“ erniedrigt und hebt den Begriff „Abschaum“ auf eine neue, höhere Ebene, indem er mit Hilfe von zwielichtigen Freunden, die weder vertrauenswürdig noch sonderlich intelligent wirken, ein eigenes Unternehmen gründet. Dank der Dummheit vieler Anleger werden sie unglaublich reich und haben dabei jede Menge Spaß.  Sie wirken wie zu groß geratene ADHS-Kinder, die nicht mehr unter Aufsicht stehen und dekadent in den Untergang reiten, trunken vom Erfolg, zugedröhnt und den Schwanz im Loch, wenn sie auch nicht immer wissen, in welchem gerade.

Über die zahlreichen Sexszenen dieses Films sollen sich Feministinnen und bekennende Masochistinnen streiten, ich halte mich da raus. Was die Frauenrollen angeht: Da haben wir die gute, liebende Ehefrau, die entsorgt wird zugunsten eines absolut oberscharfen Teils, das auch noch Dessous entwirft und Belford hauptsächlich wegen seines Geldes und seines Erfolges liebt. Seine Ehe hindert den Filmhelden übrigens nicht am ausgiebigen Prostituiertenkonsum. Olle Kamellen also – aber Belfords Erfolgsgeschichte beginnt ja auch Ende der 80er Jahre.

Belford puscht seine Angestellten indem er den Motivationstrainer gibt oder auch den fanatischen Kriegshetzer – hier bleibt einem beim aggressiven Jubel seiner Anhänger und angesichts seiner verzerrten Fratze das Lachen allerdings im Halse stecken. Er gibt auch mal den rührseligen Prediger und kommt selbst damit bei seinen Leuten gut an, die es ihm danken mit einer gemeinsamen Grunz-Imponier-Runde. Alles fickende Arschlöcher, wichsende Arschficker, kurz Wichser, die alle anderen ficken wollen. Ficken bedeutet in diesem Film Kampf und Sieg. Und dabei sind sie so jämmerlich, so überzogen irre, dass sie zu Lachnummern werden. Wie kann es sein, dass mich ein derartiges Trauerspiel amüsiert?
Weil es a) voller Ironie ist, ja nahezu grotesk und b) einfach gut verfilmt, mit verdammt guten Bildern, interessanten Perspektiven, und weil ich – oh Schande! – für Dekadenz etwas übrig habe, obwohl oder weil ich sie mir nicht leisten kann.

The Wolf of Wallstreet ist die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Bestsellers des echten Jordan Belford. Übertreibung dürfte ein wichtiger Bestandteil dieses Buches sein, denn schließlich ist Belford ein genialer Verkäufer, der uns einen Wolf für einen Affen vormacht. Ich frage mich, ob die Ironie im Film auf Belford selbst zurückgeht, oder ob Scorsese sich hier die Freiheit genommen hat, diesen Wahnsinn zu entlarven als das, was er ist – der Exzess defizitärer Männer, deren Charakter pathologische Züge aufweist, und die ihren Erfolg der Gier und der Dummheit ihrer Mitmenschen verdanken.
Übrigens soll Belford zu Ende des Films einen Cameo-Auftritt haben als Moderator der Motivationsshow. Er hat bei mir zwar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber dieser verfickte Wichser wird mit der Verfilmung seines Bestsellers sicher wieder einen Haufen Geld gemacht haben

Claudia Mair

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Kommentare
  1. TaxiBerlin sagt:

    „Zwergenwerfen“ und „ich halte mich da raus“ – scheint doch ein sehenswerter Streifen zu sein! Ach nee, doch nicht, letzteres gehört gar nicht zum Film … 🙂

  2. robertweber sagt:

    Claudia fand ihn sehr amüsant, ich hab mich ab er 90igsten Minute nur noch gelangweilt. Bis zur 60igsten war er aber richtig gut.

  3. 360hcopa sagt:

    Also ich hab auch viel Gelacht, viel um Börse ging´s nicht.

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